| „Postautistische“ Ökonomie notwendig |
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Montag, 28. Mai 2007 - Von Maggy Origer und Andrej Hunko (3227 mal gelesen) Trotz dauerhafter Massenarbeitslosigkeit und massiver ökonomischer Probleme wird an deutschen ökonomischen Instituten flächendeckend nur noch neoliberale Wirtschaftstheorie gelehrt. Alternative Wirtschaftstheorien - etwa der Keynesianismus oder Marxismus - finden kaum noch Erwähnung; eine Form der theoretischen Abschottung, des Autismus.
Einer der letzten Veteranen kritischer Wirtschaftstheorie, der
mittlerweile emeritierte Prof. Karl-Georg Zinn
Der Autor des inzwischen in vierter Auflage erschienenen Buches „Wie Reichtum Armut schafft" Neoliberalismus als moderne Religion"Was wird heute unter Neoliberalismus verstanden", fragte Zinn einleitend. Seine Antwort: Der Neoliberalismus verbreite sich "subkutan", habe "Religionscharakter" und würde mittlerweile "flächendeckend gelehrt" als handle es sich um ein "Naturgesetz". Diese göttliche Legitimierung der herrschenden, ökonomischen Verhältnisse, die auf Adam Smith (18.Jh.) zurückgehe, verbirge sich heutzutage hinter der säkularen Sprache der Intoleranz gegenüber ihren Gegnern, bzw. dem "Glauben" an den Neoliberalismus und dem Herunterbeten seiner Glaubenssätze. Als oberstes Gebot predige der Neoliberalismus die Forderung nach „Befreiung der Marktkräfte". Folge seien eine noch nie so lange anhaltende Massenarbeitslosigkeit in Deutschland. Und wenn auf diese über 15jährige Phase nun ein Aufschwung zu folgen scheint, so handle es sich kaum mehr als um eine 18 bis 24monatige Erholung. Entstehungsgeschichte des NeoliberalismusIm zweiten Abschnitt seines Vortrags ging es um einen ideengeschichtlichen Rückblick. Der Neoliberalismus habe sich entwickelt als Reaktion auf den "laissez-faire Liberalismus" der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts, als die Wirtschaftsliberalen "ihre Fälle davon schwimmen sahen" - freilich unter Beibehaltung wirtschaftsliberaler Paradigmen. In Bezug auf das Staatsverständnis sei der Neoliberalismus "indifferent" gewesen, sprich gleichermaßen kompatibel mit Demokratie oder Diktatur (wie Pinochet es in Chile ab 1973 bewies), und somit "opportunistisch konzipiert". Hauptvertreter des aufkommenden neoliberalen Denken in Deutschland war Walter Eugen (Freiburger Schule). In den 30er Jahren gab es aber auch bereits Stimmen, die forderten, den Markt sich nicht selbst zu überlassen als sei er ein "Vollautomat" der sich von selbst reguliere. Es bedürfe vielmehr, so Alfred Müller-Armag (Kölner Schule) einer staatlichen Konjunkturpolitik, da der Markt sich eben nicht von selbst reguliere. Zinn war es in diesem Zusammenhang wichtig zu unterstreichen, dass Alfred Müller-Armag, der Erfinder der „Sozialen Marktwirtschaft" (mit einem großen "S"), seine Position keinesfalls als Reaktion auf den Nationalsozialismus entwickelt habe.
In den
USA war der Neoliberalismus eine Reaktion auf den „new deal Keynes' PrognoseIm dritten und letzten Abschnitt seines Vortrag entwickelte Zinn seine Alternativen zum neoliberalen Modell. "Welche ökonomische Theorie ist die brauchbarste" frage Zinn einleitend. Brauchbar seien nur Theorien, die in der Lage sind Prognosen zu erstellen. Im Unterschied zum Marxismus und zum Keynesianismus würde der Neoliberalismus hier vollständig versagen. Zinn stellte nun eine wenig bekannte Schrift von Keynes vor, die dieser 1943 im
Auftrag der britischen Regierung verfasst habe. Fragestellung: „Wie entwickelt
sich die Beschäftigung längerfristig nach Kriegsende?".
Keynes unterscheidet in dieser Schrift drei Phasen: In der ersten Phase, während der Umstellung der Kriegswirtschaft auf eine Friedenswirtschaft, gäbe es Übernachfrage und damit Vollbeschäftigung. Die zweite Phase sei dann durch Hochbeschäftigung geprägt, die eine staatliche antizyklische Politik erfordern würde. In der dritten Phase würde schließlich aufgrund des technischen Fortschritts die Nachfragedynamik erlahmen mit der Folge neuer Massenarbeitslosigkeit. Keynes empfahl als Gegenmassnahmen in dieser dritten Phase drei Instrumente: Gleichmäßigere Einkommensverteilung (um die Nachfrage insbesondere unterer Einkommensgruppen zu stimulieren), einen Ausbau des öffentlichen Sektors (da dieser weniger schnell gesättigt sei, wie der private) und schließlich Arbeitszeitverkürzung. Nach diesem für Zinn prophetischen Modell befänden wir uns in den entwickelten kapitalistischen Gesellschaften längst in der dritten Phase - allerdings mit nationalstaatlich unterschiedlichen politischen Reaktionen. Während in Deutschland sei Jahrzehnten genau das Gegenteil der Empfehlungen von Keynes betrieben würde und die Probleme damit verschärft würden, folge etwa Schweden weitgehend den Empfehlungen Keynes'- und das mit Erfolg. Vorbild SchwedenSo zeige etwa ein Vergleich ökonomischer Kennziffern zwischen Schweden, Deutschland und den USA von 1994 bis 2004, dass Schweden mit Abstand am Besten abschneiden würde, sowohl nach innerkapitalistischen Kriterien, als auch nach sozialen und gesellschaftlichen.
So stiegen etwa Arbeitsproduktivität, BIP und Beschäftigung dort am stärksten, während Armut und Staatsverschuldung am wenigsten ausgeprägt und die gesellschaftliche Verteilung am gleichmäßigsten sei. Aber trotz vermeintlicher Globalisierung, der ein Land mit 9 Millionen Einwohnern wesentlich stärker ausgesetzt sein müsste, als Deutschland mit 80 Millionen, würde die hohe Steuerquote in Schweden nicht zur Abwanderung des Kapitals führen. Zinn sparte nicht mit scharfer Kritik an der gegenwärtigen Wirtschaftspolitik in Deutschland, die den kranken Patienten so weit schädige, dass selbst eine vernünftige Therapie zunächst nicht zur Gesundung führe, sondern nur palliativ sein könne.
In der
anregenden Diskussion wies ein junger Ökonom auf das internationale Netzwerk
für eine Postautistische Ökonömie (Zuletzt geändert am Dienstag, 29. Mai 2007.) |
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