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„Colony Collapse Disorder” - Biene Maja kommt nicht wieder PDF Drucken E-Mail
Freitag, 16. März 2007 - Von Darius Dunker (5300 mal gelesen)

Es ist, als holte die Wirklichkeit den Trickfilm ein:

Auf der Wiese herrscht rege Betriebsamkeit. Man trifft Vorbereitungen zum alljährlichen Blumenfest. Da wird Maja aufs Schloss beordert. Alle Proteste helfen nicht, es ist ein Befehl der Königin. Majas Freunde sind empört, dass sie nicht mehr wiederkommt. Keiner will mehr für das Blumenfest arbeiten. Kurz darauf verabschieden sich Flip und Alexander. Sie mögen ohne Maja nicht mehr auf der Wiese wohnen. (Biene Maja, letzte Episode)

Im vergangenen November berichtete erstmals ein Bienenhalter aus Pennsylvania, der seine Bienen in Florida überwintern ließ, von einem merkwürdigen Verschwinden seiner Bienen. Bald darauf wurden ähnliche Fälle aus vielen Bundesstaaten der USA bekannt. Stets sind ganze Bienenvölker plötzlich weg. Die Nester lassen oft erkennen, dass noch vor kurzem Brutpflege betrieben wurde, Honig- und Nektarvorräte sind vorhanden, mitunter auch noch die Königin und einige wenige Bienen, aber alle anderen erwachsenen Bienen sind spurlos verschwunden. Der Bienenstaat ist damit zusammengebrochen, was dieser bislang unbekannten Form des Bienensterbens die Bezeichnung „Colony Collapse Disorder“ (CCD) einbrachte. Auffällig ist zudem, dass die anschließende Invasion durch Wachsmotten und Käfer bei CCD erst deutlich später erfolgt als in anderen Fällen niedergehender Bienennester.

Inzwischen ist die Mehrzahl der amerikanischen Bundesstaaten von CCD betroffen (vgl. Karte External link). Das wichtigste amerikanische Expertengremium zu CCD, die Colony Collapse Disorder Working Group, spricht vom „anscheinend bedenklichsten Sterben von Bienenvölkern im ganzen Land“. Einige Bienenhalter hätten bis zu 90% ihrer Bienen verloren, in der mittelatlantischen und der nordostpazifischen Region seien offenbar insgesamt über die Hälfte der Bienen verschwunden. Nach Presseberichten External link sollen aber auch Spanien und Polen betroffen sein, und auch in Deutschland und der Schweiz soll es schon Fälle von CCD gegeben haben. Dem widerspricht allerdings das Fachzentrum Bienen und Imkerei in Mayen (Eifel) in seinem heute veröffentlichten Informationsbrief External link. Es sei nicht zu erwarten, dass das Bienensterben in Amerika Auswirkungen auf die Bienenvölker hierzulande hat.

Die große Bedeutung kommt den Bienen für den Menschen nicht primär durch die Honigproduktion zu. Christian Conrad Sprengel formulierte 1811 etwas militaristisch:

Die Bienenzucht befördert die Wohlfahrt aller Einwohner eines Landes. Der Hauptzweck der Bienenzucht ist nicht der Gewinn an Honig und Wachs, sondern die Befruchtung der Blumen und Beförderung reichlicher Ernten. Der Staat muss ein stehendes Heer von Bienen haben. [2 External link]

Foto
Foto: Darius Dunker
Viele landwirtschaftliche Nutzpflanzen können nur durch Bienen in ausreichendem Maß bestäubt werden. Das schweizerische Zentrum für Bienenforschung nennt in einer Broschüre External link an erster Stelle Äpfel, Birnen, Kirschen, Mandeln, Erdbeeren, Johannisbeeren, Rotklee, Luzerne, Melonen, Gurken und Kürbisse als Pflanzen, für die Bienenbestäubung besonders wichtig ist. Aber auch bei vielen anderen Pflanzen ist die Bestäubung erfolgreicher, wenn viele Bienen dabei geholfen haben.

Bienensterben, das scheint bei genauerer Betrachtung dennoch fast ein Dauerphänomen zu sein. Seit 1977 kämpfen Bienen und ihre Imker gegen die aus Asien eingeschleppte Milbe „Varroa destructor“, die auch für das starke Bienensterben in Mitteleuropa nach dem kalten Winter 2005/06 verantwortlich gemacht wurde. Seit den 1990er Jahren wurde von französischen Wissenschaftlern verstärktes Bienensterben auch auf den Einsatz des Pestizids Imidacloprid von Bayer zurückgeführt. Das unter den Markennamen „Gaucho“ und „Chinook“ als Pflanzenschutzmittel vertriebene Gift ist inzwischen in Frankreich nicht mehr für die Verwendung bei Sonnenblumen zugelassen. In vielen Ländern wird es aber weiterhin eingesetzt, in Deutschland beispielsweise zur Behandlung des Saatguts von Raps, weshalb NABU und Berufsimkerbund vor einem „Bienensterben durch Biodiesel“ warnen.

Was die Ursache der CCD ist, ist hingegen noch völlig unklar. Die CCD Working Group hält für weniger wahrscheinlich, dass es an der Art der Fütterung oder dem Einsatz von Chemikalien durch die Bienenhalter, der Nutzung der Bienen oder dem Bezug der Königinnen liegt. Diese Faktoren seien von den betroffenen Bienenhaltern unterschiedlich gehandhabt worden und es sei kein Zusammenhang zu erkennen.

Die amerikanischen Experten wollen nun vorrangig Rückstände von Chemikalien, sonstige bekannte und unbekannte Gifte, den Parasitenbefall, Nahrungsversorgung und Stressbelastung der erwachsenen Bienen sowie möglichen Mangel an genetischer Vielfalt untersuchen. Dass Sendemasten etwas damit zu tun haben könnten, scheint unwahrscheinlich, denn CCD trat auch in Gegenden auf, in denen weit und breit keine Sendemasten stehen.

Die CCD Working Group hält auch einen Zusammenhang mit dem Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen für nicht so wahrscheinlich. Dort käme besonders das Insektizid des Bacillus thuringiensis (Bt) in Verdacht, das auch von genetisch verändertem Mais u.ä. produziert wird. Dieses wirkt aber angeblich vor allem auf die Larven von Insekten, bei CCD ist jedoch gerade das Verschwinden der adulten Bienen kennzeichnend. Auch würden die Bt-manipulierten Pflanzen, vor allem Mais und Tabak, eher nicht so stark von Bienen aufgesucht. Andererseits wird oftmals auf Mais basierende Nahrung an Bienen verfüttert. Laut CCD Working Group ist jedoch auch kein eindeutiger Zusammenhang zwischen Fütterung und CCD zu erkennen. Gentechnisch veränderte Pflanzen hätten bei der Suche nach den Ursachen von CCD deshalb nicht die höchste Priorität. Ausdrücklich erklärt die CCD Working Group jedoch, dass dies nicht heißt, dass Bt-Mais sicher ausgeschlossen werden kann.

Greenpeace protestiert seit langem gegen die erfolgte Zulassung des Bt-Mais „MON863 External link“ von Monsanto in Europa. Dieser Tage wurde eine neue Untersuchung über mögliche Gesundheitsgefahren für den Menschen vorgelegt.

„Ratten, die den Mais MON863 in Fütterungsversuchen zu fressen bekamen, reagierten darauf mit Veränderungen an Niere und Leber“, sagt Gilles-Eric Séralini von der Universität in Caen, der seine Ergebnisse am Dienstag in Berlin zusammen mit Greenpeace vorstellte. […] Lebens- und Futtermittel, die MON863 enthalten, dürfen seit dem 1. Januar 2006 in die Europäische Union importiert werden. In den USA und Kanada wird die Sorte nach Angaben des Herstellers Monsanto auf mehreren Millionen Hektar angebaut. Die Pflanzen produzieren aufgrund einer Veränderung im Erbgut ein Eiweiß, das gegen einen Schädling, den Wurzelbohrer, wirkt. [3 External link]

Laut Greenpeace wurde bei der Zulassung manipuliert:

„Es gibt erhebliche Mängel in der statistischen Auswertung der Studie, wie sie von Monsanto vorgelegt wurde“, sagt Gilles-Eric Séralini von der Universität in Caen, der das französische Wissenschaftlerteam CRIIGEN leitet. „Neben den Schäden an Leber und Nieren wurden auch die Gewichtsveränderungen der Tiere nicht ausreichend untersucht. Weitere wichtige Daten, beispielsweise über Veränderungen des Urins der Tiere, ließ Monsanto unter den Tisch fallen.“

Ob ein Zusammenhang zwischen Genmais und Bienensterben besteht, ist, wie gesagt, noch nicht wirklich untersucht.

Ergänzung

(17.3.2007)

Zu einer Anhörung am 25.10.2006 vor dem Agrarausschuss des Deutschen Bundestags hatte der Berufsimkerbund eine Stellungnahme External link vorgelegt, in der deutlich auf Gefahren für Bienen durch Bt-Mais hingewiesen wird. In dem Dokument heißt es:

Aktuelle Untersuchungen aus der Schweiz zeigen, dass der Maispollen inzwischen in unserer Kulturlandschaft der meistgesammelte Pollen für unsere Bienen ist. Er macht bis zu 20 Prozent des Jahreseintrags an Pollen aus. Laut der Bayerischen Landesanstalt für Bienenkunde ergaben Pollenuntersuchungen in den letzten Jahren, dass ein Drittel aller bayerischen Honige Maispollen enthält. [...]

Bei einem in der Stellungnahme geschilderten Versuch mit Bienen und Bt-Mais waren - ungeplant - die Bienen stark von bestimmten Parasiten (Mikrosporidien) befallen worden. Bei denjenigen Bienen, die in dem Versuch Pollen von Bt-Mais bekommen hatten, ging daraufhin die Brutaufzucht signifikant stärker zurück als bei der Kontrollgruppe ohne Bt-Mais.

Normalerweise führen Mikrosporidien aber zu keinen klinischen Symptomen bei unseren Bienen, wenn das Immunsystem intakt ist. Das Bt-Toxin wird aber vom Bacillus Thuringensis gebildet, um das Immunsystem von Fraßinsekten zu überwinden, indem die Epithelzellen im Darm angegriffen werden. Genau dies scheint das Bt-Toxin auch im Bienendarm auszulösen, wodurch ein Angriffspunkt für die Microsporidien entsteht. Es ist also keineswegs ein unbekannter Wirkungsmechanismus, sondern genau der, für den das Bt-Toxin bekannt ist.

In der Stellungnahme wird auch - als würden die aktuellen Beobachtungen in den USA vorhergesehen - erklärt, warum die Folgen von Bt-Toxin gerade bei den erwachsenen Bienen zu beobachten sein werden:

In der Landwirtschaft wird das Bt-Toxin gegen die Larven von Fraßinsekten eingesetzt. Die Bienenlarven befinden sich aber in ihren Zellen und werden von den adulten Bienen gefüttert. Der Darm der Bienenlarven kommt also kaum in direkten Kontakt mit dem Bt-Maispollen. Die adulten Bienen funktionieren als „Vorkoster“ und „Filter“. Daher ist klar, dass Schäden bei den adulten Bienen und nicht bei den Larven zu erwarten sind. Dies bestätigt auch ein Artikel aus dem "Schweizer Bienenvater": "Da die Pollenaufnahme der Honigbienenlarven nur minimal ist, schließen wir, dass sie insektiziden Proteinen weit weniger ausgesetzt sind, als die Adulten."

Etwa drei Wochen nach Vorlage dieser Stellungnahme im Bundestagsausschuss wurde dann der erste CCD-Fall in den USA gemeldet. Die Stellungnahme geht noch von zurückhaltenderen Annahmen aus:

Allein wegen des Bt-Maises werden die Bienen nicht massenhaft tot vor den Fluglöchern liegen werden. Das Bt-Toxin ist jedoch ein zusätzlicher Stressor, der zusammen mit anderen Faktoren (Pflanzenschutzmittel, Pollenmangel, Varroa, etc.) die Vitalität der Völker bis zur Unwirtschaftlichkeit drücken wird.

Und schließlich wird noch vor dem zu erwartenden kombinierten Einsatz von Bt-Mais und Imidacloprid gewarnt:

Beim Saatgut für Bt-Mais handelt es sich primär um das Genkonstrukt MON810. Dieses bewirkt vor allem eine Resistenz gegen den Maiszünsler. Eine Wirkung gegen Drahtwurm, die Fritfliege oder gar Blattläuse wird nicht angenommen. Es ist daher anzunehmen, dass eine Saatgutbeizung mit Gaucho (Imidachloprid) erfolgen wird. Damit würde der Bt-Maispollen einen weiteren Stressfaktor enthalten. Nach meinen Informationen ist die kumulative Wirkung von Bt-Toxin und Imidrachloprid auf Bienen bisher nicht untersucht worden.

(Vielen Dank an den anonymen Hinweisgeber.)

Anmerkung:

MON810 External link (Marke "Yieldgard") und MON863 External link sind zwei Varianten von Bt-Mais der Firma Monsanto, die auch gekreuzt als MON863×MON810 External link vermarktet werden. Maissorten der MON810-Reihe sind in der EU auch für den Anbau zugelassen External link , MON863 und MON863×MON810 dürfen bisher "nur" importiert und z.B. in Lebens- und Futtermitteln verwendet werden.

Für 2007 wurden in Deutschland erheblich mehr Anbauflächen External link für Bt-Mais angemeldet als im Vorjahr, überwiegend in den östlichen Bundesländern.

In Aachen wurde der Anbau von MON810-Mais in den Jahren 2005 und 2006 auf 2500 m² in Laurensberg angemeldet. Für 2007 liegt laut Standortregister External link des Bundes bisher in NRW nur eine Meldung von 25 m² Anbaufläche auf einem Institutsgrundstück in Köln-Lövenich vor.

Ergänzung v. 14.4.: Inzwischen ist in NRW außer den 25m² in Köln auch eine Fläche von 1000m² in Borken für den Anbau von MON810 gemeldet.


(Zuletzt geändert am Dienstag, 17. März 2009.)
 
 
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