Dienstag, 22. Dezember 2009 - Von Walter Schumacher (1238 mal gelesen)
Über
150 ZuhörerInnen erschienen zu einer Veranstaltung mit dem Titel „8
Jahre Afghanistan. Eine Bilanz". Diese überwiegend jungen
Studierenden wollten sich über den Afghanistankrieg informieren und
diskutieren. Ein Hörsaal der RWTH war mit ernsthaft fragenden
Menschen gefüllt, eine Mobilisierung, die die Anti-Kriegs-Bewegung
momentan nicht schafft.
Aber
vorne auf dem Podium wurde Pro-Kriegspropaganda betrieben - nicht
plumpe, aber eindeutige.
Das
Institut für Politische Wissenschaften der RWTH Aachen hatte für
den 16.12.09 zu dieser Podiumsdiskussion eingeladen. Auf dem Podium
saßen:
-
Elmar
Theveßen, „Terrorismusexperte" des ZDF
-
Daniel
Kayser, Hauptmann der Bundeswehr (BW)
-
Ahmed
Sarwar, ehemaliger afghanischer Botschafter
-
Christoph
Schwarz vom Institut für Politische Wissenschaft der RWTH und
Moderator des Abends (IPW)
Eingangsstatements
-
Bei
der Anmoderation sprach Schwarz (IPW) konsequent von
„Auslandseinsätzen". Er lies sich auch durch Zwischenrufe nicht
beeindrucken, bei Kriegen auch von ‚Krieg' zu sprechen. Er blieb
konsequent bei der ideologischen Schönsprech-Variante, merkte
später aber an, dass er wisse sehr wohl, dass genau diese
Kennzeichnung „natürlich erhebliche juristische Konsequenzen"
für die Bundeswehr habe.
-
Der
Ex-Botschafter übte Kritik an der Ist-Situation in Afghanistan. Er
benannte einige der vorhandenen Probleme und Fehler, lieferte dafür
jedoch keine Ursachenerklärungen. Insofern blieb unverständlich,
wieso er schlussfolgerte, „es müssen mehr Soldaten dorthin".
Für ihn war klar „30-tausend weitere Soldaten sind dort
notwendig" und „Afghanistan braucht Sicherheit durch die ISAF-
und die NATO-Truppen".
-
Der
BW-Hauptmann liefert weder inhaltliche Beiträge über aktuelle
Probleme in Afghanistan noch über deren Ursachen. Dafür betont er
die bisherigen Leistungen der BW und verweist auf die 36
BW-Soldaten, die bisher in Afghanistan gestorben sind. Verbittert
meint er, dass ‚die Deutschen' zwar „einen toten Torwart zu
50-Tsd feierlich verabschieden", aber bei den toten deutschen
Soldaten leider nicht so richtig trauern würden. Der Zwischenruf
aus dem Publikum „und was ist mit den tausenden toten Afghanen?"
führt bei ihm nur zu einer formelhaften Beileidsbekundung.
Anmerkung: Könnte
es sein, dass die eigentliche Botschaft der BW lauten soll: Wir
sterben für Euch im fernen Deutschland, dann widmet unsere Toten
entsprechende großartige Heldenfeiern.
-
Elmar
Theveßen vom ZDF erläuterte aus seiner Sicht analytisch und klar
die Entwicklung in Afghanistan bis heute. Er berichtete Details, was
dort alles nicht so klappt und betonte dann, dass
vieles falsch gemacht wurde, lies aber im Unklaren, was
konkret die Fehler waren. Wieso dann „mehr Soldaten ..." das
Problem lösen könnten, blieb durch ihn unbegründet.
Jedoch verknüpfte er
geschickt dieses Forderung nach „mehr an Soldaten ..." mit der
Formel „... genauso wie zivile Hilfen". Dadurch erhielt er die
Zustimmung des Publikums.
Er legte dann nach:
„Die Strategie des Wiederaufbaus müsse gestärkt werden ... In den
letzten 8 Jahren habe man nicht genug getan, aber jetzt würde man
doch ... ." Diese Aneinanderreihung kulminierte agitatorisch in
seinem logisch nicht begründeten Schlusssatz: „... aber für die
Sicherheitslage ist [westliches] Militär unverzichtbar." Somit
lautete auch sein Resumé: „Für Afghanistan sind ‚mehr Soldaten'
der richtige und unverzichtbare Ansatz zur Lösung der Probleme".
Fragen
aus dem Publikum
Es
schlossen sich Publikumsfragen an. Konkret beantwortet wurde davon
nur ein kleiner Teil. Hier einige ‚Kostproben':
Frage:
Ist das ein Krieg oder nur ein Auslands-Einsatz?
Frage:
Der Afghanistan-Krieg wurde doch mit dem 11.9.2001 begründet. Stimmt
das im Rückblick oder gab es eigentlich ganz andere Interessen an
diesem Krieg?
-
Ex-Botschafter:
Die großen Staaten, aber auch alle
umliegenden Staaten hatten und haben strategische Interessen an
Afghanistan. Es ging nicht um den 11.9.01.
-
ZDF:
Geht nicht auf die Frage ein, sondern springt in die Jetzt-Zeit. „...
jetzt ist es doch schlimm ... jetzt muss man doch helfen ..."
Frage:
Warum werden nur die 36 dt. Opfer beklagt, nicht aber die 142
Afghanen bei dem Tanklastwagen-Massaker - ganz zu schweigen von den
anderen tausenden toten Afghanen?
Frage:
Ist der Afghanistan-Krieg gescheitert? Was schlägt die BW vor zu
tun? Was ist der Auftrag der BW dort?
Frage:
Wenn sie in Afghanistan doch eine ‚Zivilgesellschaft'
installieren wollen, wieso wurde dann in den letzten 8 Jahren so
wenig dafür getan?
Frage:
Warum wurden dort in 8 Jahren kaum Polizisten ausgebildet?
aber „... aber man
hat dort bisher 61 tausend Soldaten ausgebildet. Davon sind leider
ca. 20 Tausend wieder verschwunden. Diese haben sich vermutlich auf
die andere Seite begeben." Ursache ist einerseits, dass „... der
afghanische Staat so schlechte Löhne zahlt, andererseits dass diese
Soldaten [der Besatzungsmächte] entweder von den Aufständischen
abgeworben oder aber getötet werden."
Frage:
Warum gibt es so hohe Ausgaben für Militär und so geringe für
soziale Leistungen?
Frage:
Warum erzählen Sie uns nicht die Wahrheit über die Bombardierung
der Tanklastwagen?
Zusammenfassung
der Antworten
Auf
die meisten Fragen gab es also statt konkreter Antworten die fast
stereotype Wiederholung der Forderung: Zuerst ‚Sicherheit schaffen'
danach mit dem Rest der Mittel die Zivilgesellschaft unterstützen;
wobei das Wort ‚Sicherheit' als Synonym für ein ‚Mehr an
Soldaten' und ein ‚Mehr an Krieg' steht!
Spätestens
seit dem Vietnamkrieg müssten die Militärs begriffen haben, dass
man mit einer Strategie ‚Ausweitung des Krieges' keinen Frieden
schaffen kann.
Wenn
Militär & Politik aber dennoch diese Strategie verfolgen, werden
die wahren Gründe verschleiert. Der Hinweis auf die Interessen des
militärisch-industriellen Komplexes an permanenten
niedrig-schwelligen Kriegsherden liefert dafür sicher eine
Erklärung.
Höhepunkte
des Abends
A.
Die Bundeswehr als unschuldig-unwissende Organisation
Die
Publikumsfrage an den BW-Hauptmann, was denn eigentlich ihr Ziel im
Afghanistan-Krieg sei, sorgte für den ersten Höhepunkt des Abends.
Der BW-Hauptmann antwortete in einer fast beispiellosen (gespielten?)
Naivität: „Ich kenne das Ziel nicht, ich kann es nicht benennen.
Wir sind nur Ausführende der Politik. Wir haben nur einfache
Vorgaben wie Sicherheit erzeugen, Patrouillen fahren, ... mehr weiß
ich nicht. Das Oberziel unserer Aktivitäten ist mir nicht bekannt,
da müssen Sie die Politiker fragen".
Diese
Aussagen führten zu ungläubigem Raunen im Saal und zu erheblicher
Unruhe beim Publikum.
Für
diese Naivität gibt es wenige mögliche Erklärungen:
-
entweder
war der Mann total unvorbereitet oder sogar dumm, oder
-
er
setzte ein Konzept der BW um, sich als rein ausführendes Organ
darzustellen und gleichzeitig die Politik zur Stellungnahme zu
zwingen, der BW letztlich stärker Kompetenzen zuzubilligen. Mit
anderen Worten bedeutet das, den Kriegseinsatz der BW auszuweiten.
Die
BW-Führung hat in den letzten Jahren scheibchenweise ihre weltweiten
Einsätze systematisch und strategisch erweitert. Das gibt sie aber
nicht offen zu. Stattdessen gibt sie sich unschuldig und bittet die
Politik, sie möge ihr doch endlich helfen - vielleicht durch
erhebliche Ausweitungen von Personal und Kompetenzen.
B.
Bereitet uns der ZDF-Mann auf eine neue BW-Strategie vor?
Der
strategisch-kühl argumentierende ZDF-Terror-Experte führte dem
Publikum eine Argumentation vor, die uns wohl auf neue Qualitäten
von geplanten BW-Kriegseinsätzen in Afghanistan vorbereiten soll.
Dabei hat er das Denkmuster nicht vollständig ausformuliert, aber es
war deutlich zu verstehen, was er meinte:
-
Bisher
habe die BW eine ordentliche Friedens-Arbeit gemacht durch Brunnen
bohren, Schulen bauen, Infrastruktur schaffen, ... .
-
Dann
hätten die Taliban sich überlegt, dass diese erfolgreiche Arbeit
der BW nicht so weitergehen darf.
-
Sie
hätten deshalb gezielt die BW angegriffen. Ihr Konzept beruhte auf
der Annahme, dass Fotos von verletzten dt. Soldaten die
Unterstützung in deren Heimat schwächen würde.
-
Ihr
Konzept ging auf: Die BW habe sich ins ‚Feldlager'
zurückgezogen, um keine Gefahren einzugehen, aber auch wegen des
eingeschränkten Mandates.
-
Dadurch
wurde eine starke Präsenz der Taliban möglich. Das hat dann zur
Zerstörung der aufgebauten Infrastruktur geführt. Die Taliban
beherrschten wieder die Straßen.
-
Das
Kundus-Bombardement der Tanklaster war hier ein Einschnitt mit
positiver Wirkung. Er [ZDF] habe gehört dass ‚die Afghanen'
sagen: „Jetzt hat die BW endlich mal zugeschlagen, dass wurde auch
Zeit. Diese Aktion wird im ganzen Land begrüßt!"
[Ungesagt
lautet diese Botschaft: Bundeswehr weiter so!]
Auf
welcher Logik basiert dieser Argumentation?
Das
Militär bedauert, dass die dt. Bevölkerung noch immer zu friedlich
ist und ein härteres militärisches Durchgreifen ablehnt. Falls die
BW mal ‚richtig reinhauen' würde, würde in Deutschland nur
gejammert und rumgekrittelt. Das hält die BW bisher von einem
‚erfolgreichen Aufräumen' in Afghanistan zurück.
Die
Afghanen können diese Zurückhaltung überhaupt nicht verstehen.
Das
muss sich ändern, die BW muss härter werden - mehr Soldaten, härter
Kampfaufträge, usw.. Das neue Muster lautet also: Mehr-Krieg!
Es
stellt sich die Frage, ob die erstaunliche Enthüllungen zum
TanklasterMassaker in Kundus durch der Bildzeitung vom 26. und 27.
Nov 09 (siehe hierzu den Z-AC-Artikel
vom 29.11.09) vielleicht diese Stoßrichtung hatten? Musste Jung
„geopfert" werden, damit der Krieg endlich eine härtere Gangart
bekommen kann?
Gilt
die gleiche Erklärung auch für die aktuelle Bild-Kampagne?
(Bildzeitung vom 17.Dez 09: „General erklärt Gutenberg den
Krieg"). Dabei geht es um den Streit, wer-wann-was-gesagt-hat
zwischen unserem ‚von-und-zu-Verteidigungsministers' und seinen
Bundeswehrgenerälen. Ist auch das Ausdruck dieses Machtspiels
zwischen Militär und Politik?
Falls
die Kriegspropaganda um einen deutlich härteren BW-Einsatz zunimmt,
liegt hier eine mögliche Erklärung.
Was
bleibt?
Das
(studentische) Publikum war kritisch und keineswegs kriegsbegeistert.
Aber es war deutlich, dass die meisten nicht erkannten, wie ein
Denkmuster entworfen wurde, dessen „mehr Krieg" bedeutet:
-
‚Wir'
müssen dort helfen.
-
Die
Bundeswehr will es doch nur 'gut' machen;, sie kann es noch
nicht richtig, weil sie weder genug Rückhalt noch genug Personal
hat.
-
Deshalb
muss das Militär verstärkt werden, dann wird es schon mit ‚der
Sicherheit' klappen.
Noch
hat die BW-Strategie nicht die Köpfe der Menschen gewonnen - aber es
ist schon bemerkenswert, wie unverfroren das IPW der RWTH-Aachen
Pro-Krieg-Positionen unterstützt. Da sollten die Anti-Kriegs- und
die Friedens-Bewegung sehr wachsam sein.
Auch
vermeintlich neutrale Wissenschaftler machen beinharte
Interessenspolitik für eine Militarisierung der BRD.
(Zuletzt geändert am Dienstag, 22. Dezember 2009.) |