| Slumdog Millionär: Papierflieger über Bombay |
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Dienstag, 17. März 2009 - Von Tobias Bader (1454 mal gelesen)
Im Titelsong von Slumdog Millionär verdichtet sich ein wesentliches Motiv des Films. Paper Planes von M.I.A. erzählt davon, wie aus Habenichtsen „Illegale“ und „Kriminelle“ gemacht, wie Opfer zu Tätern umdefiniert werden, die die Gesellschaft angeblich in ihrer Substanz bedrohten. Paper Planes bezieht sich auf die Terror-Paranoia nach dem 11. September 2001, die ImmigrantInnen, sozial Deklassierte und Minderheiten -im übertragenen Sinne einfache Papierflieger (Paper Planes)- zu Werkzeugen und Überbringern von Terror und Zerstörung werden lässt. Dieses Sinnbild findet in der Geschichte von Slumdog Millionär seine Entsprechung: Arme, Straßenkinder und Slum-Bewohner, die von weiten Teilen der reichen indischen Middle Class als feindliche Elemente dämonisiert werden. Die vermeintliche gesellschaftliche Bedrohung entpuppt sich jedoch bei näherer Betrachtung als Projektion eben dieser von der Aufstiegseuphorie Geblendeten. In Slumdog Millionär bildet diese dichotome Weltsicht der wenigen Profiteure einen wesentlichen Hintergrund für die pikareske Geschichte des gesellschaftlichen Underdog Jamal Malik aus den Slums der indischen Mega-Stadt Mumbai. Gleichsam schicksalhaft schlittert er in die bekannte Quizsendung „Who wants to be a Millionaire?“. Dort steht er als Kandidat kurz vor dem Hauptgewinn von 20 Millionen Rupien. Der Film stößt trotz zahlreicher Preise und lobender Rezensionen auch auf Kritik, vor allem in Indien. Einige Feuilletonisten sowie bekannte Filmgrößen Bollywoods monieren, es werde hier ein einseitiges, „westliches“ Bild von Indien und insbesondere der Metropole Mumbai gezeichnet, das ausschließlich auf Armut, Ausbeutung, Kinderarbeit und Polizeiwillkür fokussiere. Zudem kritisieren Hindu-Fundamentalisten, der Film beleidige religiöse Gefühle, da er Hindus als „raubgierige Monster“ porträtiere. Andere Stimmen, darunter indische Intellektuelle und internationale Hilfsorganisationen, loben insbesondere die recht realistische Darstellung der Lebensbedingungen in den Slums, die auf Armuts-Voyeurismus verzichte. Slumdog Millionär beginnt mit brutalen Folterszenen. Der Protagonist Jamal Malik (Dev Patel) wird in Polizeihaft gequält. Der Grund für seine Verhaftung wird später deutlich: Als Kandidat der Gameshow „Who wants to be a Millionaire“ soll er sich die richtigen Antworten „erschlichen“ haben. Kurz vor der alles entscheidenden Frage zum Hauptgewinn ist die Sendezeit abgelaufen und Jamal wird geradewegs nach dem Verlassen des Fernsehstudios unter Betrugsverdacht verhaftet. Auf dem Revier soll nun eine Videoaufzeichnung der Polizei Beweise liefern und ihn überführen. Zunächst sehr argwöhnisch, zweifeln die beiden Polizisten (Irrfan Khan und Saurabh Shukla) im Verlauf des Verhörs jedoch immer mehr an der mutmaßlichen Schuld Jamals. Er kann ihnen schlüssig erklären, wie er „rechtmäßig“ zu den Antworten gekommen ist und die Videoaufnahme untermauert seine Schilderungen. In Rückblenden fügt der Film die Mosaikstücke seines jungen und doch harten Lebens zusammen, das ihn die richtigen Antworten gelehrt hat. Hinter den einzelnen Wissensfragen verbergen sich einschneidende Erlebnisse Jamals, die zugleich vom Leben am Rande der Gesellschaft erzählen: Die Solidarität unter den Ausgeschlossenen wird in der Begegnung Jamals mit seiner Jugendliebe Latika (Freida Pinto) und der gemeinsamen Flucht vor der Mafia beschrieben; die gewitzten Taktiken, sich gleichsam schelmenhaft mit den knappsten Ressourcen durchs Leben zu schlagen, zeigt sich in den Episoden des Films, die von Jamal und seinem älteren Bruder Salim (Madhur Mittal) erzählen, die sich als Fremdenführer am Taj Mahal, als Taschendiebe und fliegende Händler über Wasser halten; die Erfahrung tiefen Misstrauens wird in dem Zerwürfnis mit Salim verdeutlicht, der Latika später zurück in die Arme der Mafia treibt; die Instrumentalisierung religiöser und ethnischer Differenz durch die Herrschenden aus machtpolitischem Kalkül gipfelt filmisch in dem Mord an Jamals Mutter durch einen aufgestachelten Mob von Hindu-Fundamentalisten; die Armut als ein Nährboden für die Entstehung und Aufrechterhaltung mafiöser und antidemokratischer Strukturen wird in der Ausbeutung der Straßenkinder durch die Bettelmafia geschildert, die unzählige Kinder verkrüppelt und für sich betteln lässt; die stark hierarchische Kasten- und Klassenstruktur lässt den Titelhelden Jamal als chai-wallah oder Teejunge in einem der zahlreichen Back Offices des globalisierten Kapitalismus arbeiten und erlaubt ihm faktisch nicht, seinen (zugewiesenen) Platz in der Gesellschaft zu verlassen; die ökonomischen Zwänge, denen die Armen besonders schutzlos ausgeliefert sind und sie teilweise bis zum Äußersten treiben, finden ihre erzählerische Entsprechung in der Figur von Salim, der sich zunächst als rechte Hand des Unterwelt-Chefs von Mumbai verdingt und sich schließlich aufopfert, um Latika zu schützen. Die Geschichte Jamals ist daher bloß auf den ersten Blick eine märchenhafte Heldengeschichte, auch wenn einige Rezensionen genau dies suggerieren: Slumdog Millionär sei eine Bollywood-Version des klassischen rags-to-riches-Mythos, eine „rags-to-rajah“-Fabel, so zitiert eine US-amerikanische Filmkritikerin in Anspielung auf das Grundmotiv des American Dream eine Filmpassage. Doch nur scheinbar überwindet Jamal die starren Klassenschranken. Ausgerechnet in der surrealen Glitzerwelt des Showgeschäfts gelingt Jamal der „Aufstieg“: auf den Hot Seat im Fernsehstudio - auch der bleibt in der Regel den oberen Schichten vorbehalten. Entsprechend groß sind selbst im Show-Biz Skepsis und Misstrauen gegenüber Jamal. Insbesondere dem schmierigen Quizmaster Prem Kumar (Anil Kapoor) ist er verdächtig: Jamal spricht Englisch (noch dazu akzentfrei), die Sprache der akademisch Gebildeten, kennt auf beinahe alle Fragen, vor allem auf diejenigen, die nicht gerade zum Allgemeinwissen der indischen Middle Class gehören, die richtige Antwort. Und auch sonst legt er nicht unbedingt die ihm „gebührende“ Servilität an den Tag. „Wenn auch bizarr, so doch plausibel“ befinden die beiden Polizisten nach Durchsicht der Videobänder und den persönlichen Schilderungen Jamals. Sie lassen ihn daraufhin frei, so dass er seine Teilnahme an der Show fortsetzen kann. Mittlerweile ist Jamal im ganzen Land eine Berühmtheit. Er dient den Medien als originelle Story und den Menschen als Projektionsfläche. Doch für Jamal selbst scheint das Geld nicht wirklich von Bedeutung. Er möchte durch die Sendung seine Jugendliebe Latika wiederfinden. Es sind solche Sequenzen, die viele Kritiker veranlassten, Slumdog Millionär den Stempel „romantische Liebesgeschichte“ oder „Melodrama“ zu verpassen. Auch der deutsche Verleih Prokino preist den Film mit diesen Labels an; vermutlich um im Vorfeld größtmögliche Werbewirkung zu erzielen. Die fortwährende Suche Jamals nach Latika ist tatsächlich ein wesentlicher Strang, der die Erzählung zusammenhalten soll, schließlich aber in Form der Liebeserklärung via TV-Show zu dick aufgetragen wirkt. Hier hätte das Drehbuch vielleicht stärker auf das episodenhafte Erzählen der Romanvorlage setzen sollen. Insgesamt scheint sich der Film festen Genre-Zuschreibungen zu entziehen: Er bedient sich einiger Versatzstücke verschiedener Genres, vermischt und überspitzt sie - etwa wenn der Abspann des Films durch die geradezu liebevolle Parodie einer klassischen Bollywood-Tanzeinlage ersetzt wird. Erwartungen an einen sozialen Realismus, wie er beispielsweise in Werken von Ken Loach oder im Straßenkinder-Porträt Salaam Bombay der indischen Regisseurin Mira Nair umgesetzt wurden, werden ebenso wenig erfüllt. Das scheint auch nicht der Anspruch Boyles zu sein: Slumdog Millionär ist -jedenfalls in der filmischen Umsetzung- mehr Ereigniskino als detailliert beschreibende Sozialstudie: rasante Schnitte, „hautnahe“ Handkamera-Ästhetik, kraftvolle und atmosphärisch dichte Bilder, verstärkt durch die perfekt arrangierte Crossover-Filmmusik (A. R. Rahman), die treibenden Beats von Paper Planes, ebenso wie die komplexe, Spannung erzeugende Erzählstruktur machen den Film zu einem herausragenden Werk. Sozialkritische Elemente bleiben dabei wie beschrieben keineswegs auf der Strecke. Im Gegenteil: Boyle setzt der „phantastischen“ Entwicklungsgeschichte vom Underdog Jamal eine Outcast-Perspektive als gewichtigen Kontrapunkt entgegen.
(Zuletzt geändert am Dienstag, 17. März 2009.) |
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