Montag, 22. Dezember 2008 - Von Darius Dunker (1427 mal gelesen)
 Aktive Ignoranz - Aachens Zauberformel gegen Neonazis Anders als noch am 8. November haben
sich ausgerechnet für den 24.12. VertreterInnen von Stadt, Kirchen,
DGB, der Vorsitzende des Aachener Friedenspreises usw. darauf verständigt, diesmal der
angemeldeten rechtsextremen Demonstration nicht mit einer
Gegendemonstration begegnen zu wollen. Angestiftet von
Oberbürgermeister Jürgen Linden (SPD) einigte man sich dafür auf die
euphemistische Zauberformel der „aktiven Ignoranz".
Dabei hatte der Rat der Stadt Aachen,
dem Linden vorsitzt, erst am 10. Dezember in einer Resolution
beschlossen:
Der Rat der Stadt erklärt, öffentlichen Aufmärschen und Demonstrationen
demokratiefeindlicher Parteien und Organisationen mit allen Mitteln
entgegenzutreten. [...] Von allen Organen des Staates muss die
eindeutige Botschaft der Verteidigung der Werte des Grundgesetzes
ausgehen.
Am 8. November hatten Rechtsextremisten
eine Demonstration in Aachen durchführen wollen, mit der offenbar
die Opfer der Pogromnacht vom 9. November 1938 verhöhnt werden
sollten. Aachens Polizeipräsident Klaus Oelze hatte durch alle
Instanzen versucht, eine solche Demonstration zu verbieten, letztlich
hatte aber das Bundesverfassungsgericht das Verbot in einer
Eilentscheidung gekippt. Zahlreiche bürgerliche Organisationen
hatten zumindest zu einer Gegendemonstration in sicherer Entfernung
aufgerufen, an der sich mehrere Tausend Menschen beteiligt haben
sollen. Eine unzählbare Menge entschlossenerer antifaschistischer
DemonstrantInnen hatten sich zudem rund um den Aachener Hauptbahnhof
verteilt. Die Polizei hatte schließlich die verfassungsgerichtliche
Demonstrationsgenehmigung derart umgesetzt, dass die
Rechtsextremisten eine stark abgeschirmte stehende Kundgebung vor dem
ehemaligen Zollgebäude am Hauptbahnhof abhalten durften.
Aus Rache für diese Einschränkung
ihrer Demonstration meldeten dieselben Personen daraufhin eine
Demonstration für den besonders unbequemen Termin 24.12. an, wie es
auch der Rat der Stadt in seiner Resolution vom 10. Dezember erklärt:
Die neuerlich
angemeldete Demonstration der Neo-Nazis an Heiligabend verletzt
erneut und in voller Absicht („Da habt Ihr die Bescherung") die
religiösen Gefühle und Werte vieler Menschen verschiedener
Religionen in unserer Stadt. Auch diesmal wird ein Verbot der
Demonstration, das der Rat der Stadt befürworten würde, juristisch
nicht durchsetzbar sein.
Dennoch zielt die
faschistische Gesinnung der Demonstranten auf die Grundwerte unserer
Verfassung. Wir müssen bereits in den Ansätzen verhindern, dass
rechtsextreme Kräfte erneut den Rechtsstaat für ihre totalitären
Ziele missbrauchen.
Doch was der Oberbürgermeister und
seine MitstreiterInnen darunter verstehen, RechtsextremistInnen „mit
allen Mitteln entgegenzutreten", ist beschämend. Hauptsächlich
sollen Plakate aufgehängt werden, mit denen man sich von der
Nazidemo distanziert. Zugleich wird über die Lokalpresse davor
gewarnt, am 24.12. die Innenstadt zu betreten, ganz so, als wollte
man den Interpretationsspielraum von „allen Mitteln" des
Entgegentretens bewusst nach unten ausloten. Zur Speerspitze des
Softprotestes machen sich mal wieder die Jusos, sie rufen zum
antifaschistischen Plakatemalen auf:
Die Plakate werden
dann auf der Demonstrationsroute aufgehängt. Die Nazis sollen sehen,
dass Aachen eine tolerante und weltoffene Stadt ist. Hass und
Ausgrenzung wollen wir nicht haben.
Bei der Partei Die Linke sieht man das
anders. Angesichts einer geplanten Demonstration für eine
widerwärtige, menschenverachtende Ideologie und Praxis sei Toleranz
nicht angebracht. Solche Kräfte müssten gerade ganz bewusst
ausgegrenzt werden. Genau dies habe der Rat ja auch beschlossen, nur
halte er sich offenbar nicht an seinen erst zwei Wochen alten
Beschluss.
Der Arbeitskreis Antifa konkretisiert:
In letzter Zeit
wurde viel von rechten Übergriffen in Aachen und Umgebung berichtet.
Die Gewalt hält an, auch in den letzten drei Wochen gab es
zahlreiche Übergriffe von rechts auf vermeintliche GegnerInnen. So
wird von mindestens zwei Attacken auf Linke in der Pontstraße
berichtet, daneben von einem unvermittelten Angriff auf ‚alternativ'
aussehende Menschen in Mitten der Stadt durch vier Neonazis. Auch am
Autonomen Zentrum Aachen tummelten sich erneut sechs Neonazis, wurden
aber in ihrer verzweifelten Suche nach AntifaschistInnen nicht so
recht fündig. Nach einer antifaschistischen
Informationsveranstaltung in der Pontstraße griffen zudem ‚autonome'
NationalistInnen in der darauf folgenden Nacht einen jungen Mann
körperlich an.
Unterdessen wurden
- ebenfalls in der Aachener Innenstadt - Plakate gesichtet, die
auf ProtagonistInnen der örtlichen NS-Szene aufmerksam machen.
In den letzten
Tagen lasen wir immer wieder von gewaltsamen Angriffen durch
Neonazis. Sei es in Stockholm, dort fanden im Vorfeld des
Salemmarsches mehrere Mordversuche durch FaschistInnen statt, das
Autonome Zentrum Cyclopen wurde niedergebrannt, eine Wohnung von
SyndiaklistInnen ebenso. Oder sei es in Passau: Dort wurde der
örtliche Polizeichef von Neonazis durch einen Angriff mit einem
Messer schwer verletzt.
Die bundesdeutsche
administrative Öffentlichkeit erkennt zumindest wieder punktuell die
Gefahr, die von faschistischer Gewalt ausgeht oder lässt es
zumindest verlautbaren. Nicht so in Aachen:
‚Aktive
Ignoranz' lautet das Stichwort unter dem das Aachener Bündnis
gegen Rechts unter Federführung von Oberbürgermeister Jürgen
Linden beschlossen hat, nicht aktiv gegen einen Neonaziaufmarsch in
Aachen am 24.12.2008 zu werden.
Axel Reitz ruft
unter dem Motto „Da habt ihr die Bescherung! Meinungs- und
Demonstrationsfreiheit ist kein Geschenk, sondern unser Recht!" zu
einem Aufmarsch auf, in Reaktion auf die behördliche Verhinderung
einer Nazidemonstration am 8. November, am Vortag der Pogromnacht.
Dass sich Neonazis als VerteidigerInnen von Meinungsfreiheit und
Demonstrationsfreiheit generieren, ist so absurd wie üblich. In
jedem faschistischen Regime wurden diese erkämpften Rechte mit als
erstes abgeschafft, ihre VerteidigerInnen ermordet. Die
Eigenkonstruktion der extremen Rechten als Verteidigerin dieser
Rechte reiht sich nahtlos in den Opferkult von rechts ein, Opfer zu
sein ist in diesen Kreisen sehr beliebt.
Mit Verwunderung
nehmen wir zur Kenntnis, dass von Kirchen, DGB und Parteien statt
Engagement Schweigen, anstatt Intervention Ignoranz empfohlen wird.
„Stell´ dir
vor, die Nazis sind in der Stadt - und keiner hält sich daran auf"
titeln die Aachener Nachrichten dieses Vorgehen und treffen damit den
Nagel auf den Kopf. Fragen wir uns, was geschieht, wenn Nazis
aufmarschieren, aktiv werden, in die Öffentlichkeit treten,
faschistische Ideologie vertreten, Menschenverachtung und
-vernichtung propagieren und kein Mensch sich daran aufhält. Kurt
Tucholsky beschrieb dieses Beschweigen faschistischer Gefahr, die
Weigerung aktiv zu werden 1931 in dem Gedicht „Rosen auf den Weg
gestreut". Treffend und zeitlos ironisiert Tucholsky: „Wenn sie
in ihren Sälen hetzen, sagt: ‚Ja und Amen - aber gern! Hier habt
ihr mich - schlagt mich in Fetzen!' Und prügeln sie, so lobt den
Herrn".
Wer aus der
deutschen Geschichte gelernt hat, dass Ignoranz und Schweigen ein
geeignetes Mittel gegen faschistische Organisierung ist, der hat die
Geschichtsbücher nicht gelesen.
Man werde sich
durch den Aufmarsch nicht provozieren lassen, so heißt es aus den
Reihen des so genannten Bündnis gegen Rechts. Wer sich aber nicht
von einem öffentlichen Auftreten von notorischen
HolocaustleugnerInnen, von ProtagonistInnen der extremen Rechten
provozieren lässt, verkennt die Gefahr oder nimmt sie schlicht in
Kauf. Eine Sprecherin des Ak Antifa Aachen dazu: „Ignoranz ist
schlimm genug, das Propagieren der Ignoranz ebnet FaschistInnen aktiv
den Weg. Wir werden uns an diesem Tag den FaschistInnen in den Weg
stellen. Wir rufen dazu auf, am 24. 12. 2008 um 9 Uhr am Aachener
Hauptbahnhof zu sein und dort zu bleiben, bis die Anreise der Nazis
dadurch verhindert worden ist". Das Antifaschistische
Aktionsbündnis Aachen hat unterdessen eine Kundgebung am
Bahnhofsvorplatz angemeldet, die - wie schon am 8.11.2008 - in
die Hackländerstraße verlegt wurde.
(Zuletzt geändert am Freitag, 26. Dezember 2008.) |