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Die Exzellenzinitiative der RWTH: eine zweifelhafte Sache PDF Drucken E-Mail
Sonntag, 25. Mai 2008 - Von Alexander Roentgen (2551 mal gelesen)

Daß die RWTH Aachen seit ein paar Monaten eine sogenannte Exzellenzuniversität ist, ist dank der üblichen Hofberichterstattung der Aachener Presse und dank blau-roter "Exzellenz RWTH Aachen"-Aufkleber an fast jedem Gebäude dieser Hochschule allgemein bekannt (der rote "Exzellenz"-Teil dieser Aufkleber wurde nach kurzer Zeit entfernt -- wer ersinnt und bezahlt solche Gags?).

Weniger bekannt dürfte das Zukunftskonzept der RWTH sein, welches zur Bewerbung im Rahmen der Exzellenzinitiative gehörte. Im Auditorium Maximum am 8. Januar 2008 stellten der Rektor und einige seiner Kollegen dieses Konzept den nicht allzu zahlreich erschienenen Mitgliedern der Hochschule vor. Durch diese Informationsveranstaltung habe ich den Eindruck bekommen, daß es sich bei dem Zukunftskonzept in Verbindung mit der Exzellenzinitiative um eine zweifelhafte Sache handelt.

Eingangs seiner Unterrichtung nannte der Rektor zwar zwei Aufgaben einer Universität, nämlich

  1. "Wissen neu erstellen" und
  2. "die jungen Generationen bilden und ausbilden, daß sie das, was wir an Wissen erzeugen und weitergeben wollen, anwenden können und selbst weitergeben können".

Das im Anschluß vorgestellte Zukunftskonzept hat damit aber leider wenig zu tun.

Da geht es nicht um Ausbildung, sondern um Auslese. Da geht es nicht um Bildung, nicht um sinnerfülltes Studieren und von Neugier angetriebenes Forschen, nicht um das Zusammenspiel von Lernen und Lehren, sondern da geht es um Wettbewerb innerhalb und außerhalb der Hochschule, da geht es aus Prestige- und Imagegründen darum, wie die Stellung der RWTH als "Elite-Universität" zu halten und auszubauen ist.

Als Universität Lehre zu betreiben, bezeichnete der Rektor sogar als "Nachteil im globalen Wettbewerb". Wenn das solch ein Nachteil wäre, wäre es da nicht konsequent, daß beantragt wird, die RWTH in ein Fraunhoferinstitut umzuwandeln? Dann wäre sie der lästigen Lehre ledig. Nur was wäre mit der Aufgabe, die jungen Generationen zu bilden und auszubilden?

Da geht es des weiteren zum Beispiel bei "Uni-Hits für Kids" nicht in erster Linie darum, Kindern zu deren Freude (ein Wort, das im öffentlichen Diskurs so gut wie nicht vorkommt) ein paar naturwissenschaftliche Experimente zu demonstrieren -- warum sollte die RWTH so uneigennützig sein? --, da geht es unter dem irreführenden Namen "Mobilising People" um Marketing und Rekrutierung von "Human Resources" (ein Begriff, der die seelenlose kapitalistisch-betriebswirtschaftliche Denkhaltung hinter dem Zukunftskonzept widerspiegelt). Auf die Ausbildung von erlesenem Humankapital will man wohl nicht verzichten: es ist zu befürchten, daß die (Elite-)Universitäten über kurz oder lang sich ihre Studenten auswählen dürfen. Dann endlich unterrichten die Dummen die Dummen auf der einen Seite und die Schlauen die Schlauen auf der anderen Seite der Exzellenzinitiative.

Bei dem Motto des Zukunftkonzeptes, "RWTH 2020: Meeting Global Challenges", geht es angeblich darum, sich globalen Herausforderungen zu stellen. Zu diesen Herausforderungen (was wohl schicker als "Probleme" klingen soll) gehören u. a. Wasserversorgung, Energieverfügbarkeit und Klimawandel, wie der Rektor aufzählte. Wenn es so sein sollte, daß die RWTH sich ernsthaft und glaubwürdig der Lösung dieser Probleme verschrieben hat, warum errichtet sie dann das Super C? Soll dieses Gebäude mit seiner Glasfassade und seiner im Verhältnis zum Volumen sehr großen Außenfläche ein Beispiel für energieeffiziente Bauweise sein? Ist auch nur eine einzige Solarzelle auf dem Dach vorgesehen?

Im übrigen: Der Rektor sagte: "Wir alle wissen, daß ... die Bildung für uns ein wichtiges Element ist, um in der Zukunft gegen die stark aufkommenden neuen Länder, die großen Länder insbesondere, bestehen zu können -- so nach dem Motto: Wir müssen um soviel besser und schneller sein, als wir teurer sind; und das ist etwas, was in der Zukunft noch stärker gilt als jetzt." Ich frage mich, wie man Probleme der Menschheit wie Energieverfügbarkeit, Wasserversorgung, Klimawandel im Wettbewerb, im Konkurrenzkampf gegen andere Nationen und Universitäten lösen will. Das ergibt doch keinen Sinn. Oder geht es um die Energie- und Wasserversorgung des Wirtschaftsstandorts Deutschland und der übrigen westlichen Industrienationen?

Eigentlich wäre nichts verkehrt daran, sich diesen Problemen zu stellen, und die RWTH könnte zu ihrer Lösung vermutlich einiges beitragen; aber es ist verkehrt, die Forschung in den Dienst einer so zweifelhaften Sache: der Exzellenzinitiative zu nehmen.

Der Rektor äußerte ferner den Wunsch, jeder müsse sich vom Zukunftskonzept angesprochen fühlen. Vermutlich überwiegt jedoch bei den Studenten und Mitarbeitern das Desinteresse. In "relatif - Campus-Magazin für Aachen" (April 2008) gibt der TH-Pressesprecher zu, daß "diese wichtigen Multiplikatoren" bislang zu wenig beachtet worden seien. Damit sich dies ändert, wurde ein Professor vom Lehrstuhl für Unternehmenspolitik und Marketing beauftragt, ein neues Marketing- und Kommunikationskonzept zu entwickeln. Wie selbstverständlich einerseits davon geredet wird und wie merkwürdig es andererseits bleibt: ein Marketing- und Kommunikationskonzept für die Corporate Identity einer Hochschule -- als ob die RWTH ein Waschmittelhersteller wäre! Öffentliche Diskussionen werden wohl nicht mehr geführt.

Nichtsdestotrotz zum Abschluß ein paar Gedanken von Hermann Hesse und Neil Postman über Bildung bzw. ein mögliches Motiv für (schulische) Erziehung:

Echte Bildung ist nicht Bildung zu irgendeinem Zwecke, sondern sie hat, wie jedes Streben nach dem Vollkommenen, ihren Sinn in sich selbst. So wie das Streben nach körperlicher Kraft, Gewandtheit und Schönheit nicht irgendeinen Endzweck hat, etwa den, uns reich, berühmt und mächtig zu machen, sondern seinen Lohn in sich selbst trägt, indem es unser Lebensgefühl und unser Selbstvertrauen steigert, indem es uns froher und glücklicher macht und uns ein höheres Gefühl von Sicherheit und Gesundheit gibt, ebenso ist auch das Streben nach 'Bildung', das heißt nach geistiger und seelischer Vervollkommnung, nicht ein mühsamer Weg zu irgendwelchen begrenzten Zielen, sondern ein beglückendes und stärkendes Erweitern unseres Bewußtseins, eine Bereicherung unsrer Lebens- und Glücksmöglichkeiten. ...[Echte Bildung] ist nicht Steigerung einzelner Fähigkeiten und Leistungen, sondern sie hilft uns, unserm Leben einen Sinn zu geben, die Vergangenheit zu deuten, der Zukunft in furchtloser Bereitschaft offenzustehen. (Hermann Hesse, Schriften zur Literatur I.)

Hier liegt also eine Erzählung von außerordentlichem Potential: die Geschichte vom Menschen als Hüter der Erde, Beschützer einer verletzlichen Raumkapsel. ... [S]ie demonstriert in sehr klarer Form die gegenseitige Abhängigkeit der menschlichen Wesen, die Notwendigkeit von globaler Solidarität. Wenn ein Teil des Raumschiffs vergiftet wird, leiden alle. Mit anderen Worten, es ist evident, daß die Zerstörung des Regenwaldes kein brasilianisches Problem, die Verschmutzung des Meeres kein Problem Miamis, der Völkermord kein bosnisches Problem, der Hunger kein somalisches Problem und politische Unterdrückung kein chinesisches Problem ist. 'Frag nicht, wem die Stunde schlägt', schrieb John Donne, 'sie schlägt für dich.' Wenn es eine Erzählung gibt, die diesem Gedanken Substanz verleiht, dann die von der Erde als unserem einen und einzigen Raumschiff. ... Es ist eine Geschichte von wechselseitiger Abhängigkeit und globaler Zusammenarbeit. Sie trifft den Kern dessen, was es heißt, ein menschliches Wesen zu sein. Es ist eine Geschichte, die Verschwendung und Gleichgültigkeit als böse stigmatisiert, die eine Vision der Zukunft und eine Verpflichtung gegenüber der Gegenwart erfordert. Wenn ein Schüler im Kontext dieser Geschichte fragt: 'Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?' antwortet der Spiegel: 'Das ist eine ziemlich blöde Frage. Hast du noch nicht gemerkt, daß ihr alle in einem Boot sitzt? Daß ihr euch aufeinander verlassen müßt, um zu überleben, und daß ihr eure Heimat nicht gut genug geschützt habt?' (Neil Postman, Keine Götter mehr. Das Ende der Erziehung. Berlin 1995. S. 89ff.)


(Zuletzt geändert am Dienstag, 28. Juli 2009.)
 
 
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