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Aachener Jusos lehnen Bahnprivatisierung ab PDF Drucken E-Mail
Mittwoch, 24. Oktober 2007 - Von z-ac (2358 mal gelesen)

Im Vorfeld des SPD-Bundesparteitages haben die Aachener Jusos mehr als 40 Anträge eingebracht, die sich überwiegend auf das neue SPD-Programm beziehen. Ihrem Selbstverständnis nach positionieren sie sich damit „klar links" vom Entwurf der Mutterpartei.

Am Spannendsten dürfte die Entscheidung über die geplante Bahnprivatisierung werden. Ebenso wie viele SPD-Mitglieder lehnen die Aachener Jusos dieses „Verscherbeln unseres Eigentums" (attac) ab.

Die übrigen Anträge richten sich gegen eine „Verwässerung des Berliner Programms", so Michael Servos, Pressesprecher der Aachener Jusos.

Dokumentiert:

Antrag

Der Unterbezirksvorstand möge beschließen:

Die geplante Privatisierung der Deutschen Bahn ist abzulehnen. Eine Privatisierung erscheint nur unter der Prämisse sinnvoll, dass private Unternehmen grundsätzlich besser wirtschaften als staatliche, einer Behauptung, die keiner objektiven Betrachtung standhält.

Alle verkehrspolitischen Ziele (Verbesserung des Service, Modernisierung der Infrastruktur, Verlagerung des Verkehr von der Straße auf die Schiene) lassen sich mit einer Bahn im Staatsbesitz mindestens ebensogut erreichen. Eine Privatisierung keine Vorteile, wohl aber erhebliche Risiken. Sie ist unvereinbar mit den Grundwerten der SPD.

Begründung:

Der Glaube an eine grundsätzlich höhere Effizienz privater Unternehmen ist ein Irrglaube und durch nichts zu belegen. Eine privatisierte Bahn unterliegt noch immer denselben Naturgesetzen wie eine staatliche. Deswegen kann man nicht voraussetzen, dass eine Privatisierung automatische Effizienzgewinne mit sich bringt.

Das Gegenteil ist der Fall: Eine Privatisierung wird vermutlich zu Effizienzverlusten führen, weil ein netzgebundenes System, wie die Bahn es nun mal aufgrund ihrer Natur ist, ein natürliches Monopol mit hohen Fixkosten, steigenden Skalenerträgen, Netzwerkeffekten und verschiedensten Externalitäten darstellt. Der Versuch, in einem solchem Netzwerk um jeden Preis einen Wettbewerbsmarkt einzubringen, kann nicht gelingen.

Die Befürworter der Bahnprivatisierung behaupten, der Staat könnte nicht die erforderlichen Investitionen in eine Modernisierung der Infrastruktur aufbringen und deswegen müßten private Investoren ins Boot geholt werden. Sie ignorieren dabei aber, dass private Investoren ihr Kapital nicht aus reiner Barmherzigkeit zur Verfügung stellen - sie wollen eine Rendite sehen, und zwar nicht unter fünf Prozent!

Der Staat kann sich aber bei den Bürgern Geld leihen, und zwar zu sehr viel niedrigeren Zinsen (eine 10-jährige Bundesanleihe kostet den Staat zur Zeit nur 3,6 Prozent). Wenn die Bahn also Kapital für Investitionen braucht, ist eine Finanzierung durch private Investoren wesentlich teurer als eine Finanzierung durch Staatsmittel.

Das heißt, dass eine private Bahn eine höhere Rendite erwirtschaften muß als eine staatliche. Das kann sie tun, indem sie entweder die Einnahmen steigert oder die Kosten senkt. In ersterem Fall dürften die Ticketpreise steigen, in letzterem können wir mit Arbeitsplatzabbau, Lohnsenkungen und einem schlechterem Service rechnen.

Die ökonomische Theorie wird eindrucksvoll durch die praktischen Erfahrungen in Japan, Großbritannien, Schweden und zahlreichen Ländern Afrikas und Südamerikas untermauert. Nach einer erfolgten Bahnprivatisierung wird das einheitliche Bahnsystem zerschlagen, Arbeitsplätze werden abgebaut und Löhne gesenkt, Komfort und Service werden schlechter (zum Beispiel durch Bahnhofs- und Schalterschließungen), Regionalverbindungen verschwinden zu Gunsten von Hochgeschwindigkeitsstrecken zwischen Metropolen, die Zuschüsse der öffentlichen Hand ans Bahnsystem steigen, die Bahn wird widerstreitenden Interessen von Autoindustrie, Busgesellschaften und Flugverkehrslobby ausgesetzt, Bahnhöfe verlieren ihre Funktion als Portale von Stadt und Verkehr, Bahnimmobilien werden zu Spekulationsobjekten.

Die geplante Bahnprivatisierung bringt so viele weitere Nachteile und Risiken mit sich, dass eine vollständige Aufführung an dieser Stelle kaum möglich ist. Weitere Argumente gegen die Bahnprivatisierung finden sich aber u. a. im Internet unter http://www.bahn-fuer-alle.de External link, http://www.bahnvonunten.de External link und http://www.nachdenkseiten.de External link.

Die geplante Bahnprivatisierung hilft also nicht weiter. Eine privatisierte Bahn strebt nach Gewinnmaximierung. Die Aufgabe der Bahn muß aber nicht sein, Gewinn zu erwirtschaften, sondern gesellschaftlichen Zielen zu dienen. Eine private Bahn wird betriebswirtschaftlich unprofitable Nebenstrecken in ländlichen Regionen nur betreiben, wenn sie entsprechende Subventionen erhält. Dies ist heute schon gang und gäbe, und da die Bahn im Staatsbesitz ist, fließen diese Subventionen an den Steuerzahler zurück. Eine Bahnprivatisierung würde aber dazu führen, daß der Staat die Dividenden der privaten Investoren bezuschusst.

Mit der staatlichen Bahn können verkehrs- und umweltpolitische Ziele (z. B. Ausweitung des regionalen Angebots und eine Verlagerung des Verkehrs von der Straße auf die Schiene) sehr viel besser erreicht werden als mit einer privaten.


(Zuletzt geändert am Mittwoch, 24. Oktober 2007.)
 
 
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