Dienstag, 25. September 2007 - Von Marxlesekreis (3080 mal gelesen)
 Karl Marx, 1875 Seit
2002 trifft sich jeweils montags der Marx-Lesekreis der RWTH Aachen
(MLK), um eine historisch-kritische Auseinandersetzung mit dem Werk von
Karl Marx und seinen vielfältigen Rezeptionsformen zu fördern.
Unter
dem Motto „Marx wieder an die Uni!" hat der MLK seit dieser Zeit
zahlreiche öffentliche Vorträge mit international bekannten Forschern
organisiert, die von bis zu 100 Zuhörern, darunter nicht wenige
interessierte Bürgerinnen und Bürger außerhalb der RWTH Aachen, besucht
wurden.
Eine stattliche Zahl angesichts der oft gähnenden Leere bei
vielen Symposien, Gastvorträgen oder politischen Diskussionen an der
RWTH Aachen.
[update]
Zu
den finanziellen Förderern dieser Vorträgen zählte neben der Fachschaft
Philosophie in den letzten Jahren häufig auch der AStA der RWTH Aachen.
Grund für amtierende Studierendenvertreter gegen diese Verwendung der
Gelder zu polemisieren. Der AStA habe „hohe Summen in [...] einen
Marx-Lesekreis" gesteckt, schreibt ein „apl" in der Studierendenzeitung
„90 Sekunden" (KW 38/39).
Die perfide Pointe dieses Textes ist die
bemüht „ironische" Verwendung einer einschlägig bekannten
Symbolsprache, in der die politischen Gegner des jetzigen rechten AStA
an der RWTH Aachen zu „Zecken" mutieren. Die Maßlosigkeit des Vorwurfs
(„hohe Summen") und das einschlägige Niveau, mit dem dieser vorgetragen
wird, war der Anlass für unsere Replik. Nachzulesen ist der fragliche
Beitrag in den „90 Sekunden" hier .
"Aachen, 21.9.2007
Offener Brief an den Asta der RWTH Aachen und die Redaktion der „90 Sekunden"
Werte Kommilitoninnen und Kommilitonen des AStA, werte Redakteurinnen und Redakteure der „90 Sekunden"! Studentische
Grabenkämpfe und kleine Spitzen gegen die jeweiligen AStA-Amtsvorgänger
zählen zu den handelsüblichen Gepflogenheiten der Hochschulpolitik
und sind nicht nur deshalb kaum der Erwähnung wert, weil der
Sachverhalt meist nur für die unmittelbar Beteiligten interessant ist.
Mochten zudem die letzten genuin politischen Entscheidungen des AStA
- wie der Austritt aus dem Aachener Friedenspreis - ob seiner etwas
schlichten Begründung bestenfalls ein Anlass für ein zögerliches
Kopfschütteln oder kurze Spekulationen über das politische Bewusstsein
der verantwortlichen Studierenden sein, ist nun die jüngste Einlassung
von „apl" in den „90 Sekunden" (KW 38/39) Ausdruck einer
bemerkenswerten Provinzialität und politischen Haltung, die wir
entgegen unserer sonstigen Gewohnheit kurz kommentieren möchten.
Man
muss angesichts der im Text gewählten Assoziationskette „Kakerlaken -
Zecken" und der bemüht komischen „Distanzierung" der Redaktion nicht
gleich das „Wörterbuch des Unmenschen" von Dolf Sternberger bemühen, um
über die politische Kammerjägergesinnung des Verfassers und der
verantwortlichen Redakteure Klarheit zu erhalten. Uns liegt nicht viel
daran, dass nach einer juristischen Prüfung des Studentenulks von „apl"
dem Kommilitonen der Einstieg in die erstrebte bürgerliche Karriere so
verdorben wird wie der Eva Braun-Hermann wegen ähnlichem Blödsinn ihr
Job beim NDR. Es reicht für unsere Zwecke aus, „apl" bloß für einen
zweitklassigen Epigonen von Harald Schmidt zu halten. Allerdings
sollten er und die redaktionellen Texter vielleicht mal länger als
neunzig Sekunden über die trüben Quellen einer Gesinnung nachdenken,
die gewöhnlich bei solchen Insektenmetaphern die Feder führen lässt.
Das
alles wäre uns aber auch nicht unbedingt der Erwähnung wert, wenn "apl"
den Vorgänger-Asten seit 2002 nicht explizit vorwerfen würde, sie
hätten „hohe Summen in einen Marx-Lesekreis gesteckt." Ein Lesekreis
übrigens, dem seit seiner Gründung im SoSe 2002 bislang über 40
Studierende, Gaststudenten, Absolventen, Doktoranden und
wissenschaftliche Mitarbeiter der RWTH Aachen angehörten. Es mutet
schon sehr seltsam an, dass alleine die Erwähnung des Namens des großen
Bärtigen bei Studierenden und AStA-Funktionären im Jahre 2007
pawlowsche Reflexe hervorruft und diese in ihren Studierendenzirkularen
mit Glossen reagieren, für die sich in den 70er Jahren selbst der
Stahlhelmflügel des RCDS geschämt hätte. Vielleicht meint „apl"
gar, die Mitglieder des MLK hätten sich mit all den angeblich „hohen
Summen", die der AStA dem Marx-Lesekreis in den letzten Jahren zur
Verfügung gestellt hat, nach Kuba abgesetzt. Oder, noch schlimmer, die
harte Westmark und später die Euros für eine Studienreise nach
Nordkorea verbraten. Nun, dies ist leider nicht der Fall. Wir waren mit
der Knete noch nicht mal beim Chinesen. Die dankeswerterweise
überwiesenen Gelder dienten lediglich der Finanzierung der öffentlichen
Veranstaltungen des MLK und wurden für - gemessen an den
üblichen Standards des Wissenschaftsbetriebs! -lächerlich geringe
Honorare und Reisekosten für zahlreiche Referenten verwendet. Im Rahmen
dieser von bis zu 100 Zuhörern besuchten öffentlichen Veranstaltungen
in der Pausenhalle des Philosophischen Instituts der RWTH Aachen,
konnten wir zahlreiche international renommierte Wissenschaftler wie
zum Beispiel Professor Dr. Wolfgang Fritz Haug, Professor Dr. Alex
Demirovic, Professor Dr. Georg Fülberth oder Professor Dr. Karl Georg
Zinn (früher RWTH) in Aachen begrüßen. Namen von kritischen
Intellektuellen, die aus der Fachdiskussion und den großen bürgerlichen
Zeitungen bekannt sind.
Einer
unserer häufigsten Gäste, W.F. Haug, emeritierter Professor an der FU
Berlin und einer der bekanntesten deutschen Philosophen, ist zum
Beispiel Herausgeber des „Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus",
zu dessen Förderern u.a. Elmar Altvater, Pierre Bourdieu, Jaques
Derrida, der Literaturnobelpreisträger Dario Fo oder der ehemalige
geschäftsführende Direktor des Instituts für Politische Wissenschaft
der RWTH Aachen, Kurt Lenk, zählen bzw. zählten. Dass die damaligen
Asten im Rahmen des „Referats für politische Bildung" (deren gewollter
Mangel Texte wie den von „apl" entstehen lässt) studentisch
organisierte Veranstaltungen mit Denkern vom Format eines W.F. Haug
unterstützt hat, war eine schöne finanzielle Förderung der Freiheit der
Wissenschaft. Ohne diese Piepen hätten wir noch mehr als sonst in die
eigene Tasche greifen müssen. Übrigens, zur Erinnerung sei´s hier
nochmal gesagt: Es waren eben nicht nur Goethe oder Schiller, weshalb
Generationen von internationalen Akademikern die deutsche
Sprache erlernten - sondern Hegel und Marx!
Die
historisch-kritische Auseinandersetzung mit dieser Denktradition ist
die Aufgabe des Aachener Marx-Lesekreises. Dieses Unterfangen mag
in Deutschland, wo Philosophen oft nur noch als
schöngeistige Talkshow-Gäste oder Ethik-Berater von Banken
öffentlich
wirksam werden, etwas aus der Mode gekommen und deshalb für
aufstiegswillige Finanzfunktionäre uninteressant sein. Gerade in
angelsächsischen Ländern wie den USA oder England gibt es dagegen
eine
breite gesellschafskritische Tradition „marxistischen" Denkens, welche
eine der Referenzquellen für unser bescheidenes Unterfangen ist - und
die zu ignorieren provinziell wäre.
Wer
sein philosophisches Denken also nicht aus „modernisierten"
philosophischen Bibliotheken beziehen will, den jüngsten Meinungsmoden
nicht hinterherläuft und Drittmittelforschung nicht mit
wissenschaftlicher Kritik verwechselt, hat seinen Platz im MLK. Dieser
will natürlich auch im kommenden Semester unter seinem altbewährtem
Motto „Marx wieder an die Uni!" wieder öffentliche Veranstaltungen mit
Marx-Experten anbieten, u.a. mit Michael R. Krätke von der Universität
Amsterdam oder Frank Deppe aus Marburg. Der AStA würde sein Renommee
sicherlich steigern, wenn er auch zukünftig diese Veranstaltungen
fördert. Auf jeden Fall aber sollte er in seinen Publikationen darauf
verzichten, mit unverschämten Analogien aus dem Arsenal des politischen
Primitivismus missliebige Amtsvorgänger zu denunzieren."
gez. der Marxlesekreis
[update, 10.10.]:
Attac Campus Bochum schrieb dazu an die Redaktion von z-ac.de:
Hallo,
wir veurteilen den Umgang des AStA der RWTH Aachen mit dem Marx Lese
Kreis und insbesondere den Rückgriff des AStA der RWTH auf
NS-Sprachgebrauch aufs schärfste.
Soll es wirklich so sein, dass die StudentInnen der
"Elite"-Hochschule RWTH von Leuten vertreten wird, die Wissenschaft
eine Absage erteilen und dabei noch in den Jargon der Bücherverbrenner
von einst verfallen?
Wir hoffen, dass sich zahlreiche Hochschulgruppen und
WissenschaftlerInnen dem Protest anschließen und die Vielfalt
wissenschaftliecher Ansätze einschließlich kritischer
Gesellschaftswisenschaft und damit auch Wissenschaft im Allgemeinen
auch in der Studierendenvertretung der RWTH wieder unangefochten zur
Geltung kommt.
Eine andere Welt ist möglich. Eine andere Studierendenvertretung auch. Hoffentlich bald auch in Aachen.
Solidarische Grüße
attac campus bochum
P.S: Wir treten für ein flächendeckendes und qualitativ
hochstehendes Angebot gebührenfreier universitärer und sonstiger
Bildung ein und lehnen die besondere Förderung sogenannter
Elitehochschulen ab. Auch an der Bochumer Ruhr-Universität. Wir haben
etwas beseres verdient als Elite.
(Zuletzt geändert am Mittwoch, 10. Oktober 2007.) |