| Ganz unten, mittendrin |
|
|
|
Sonntag, 5. August 2007 - Von Alban Werner (3062 mal gelesen)
So die Thesen von Kurt Beck in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, die Ende letzten Jahres zunächst innerhalb der SPD (Franz Müntefering wollte wissen, dass „keine Schichten in Deutschland" gebe, während Wolfgang Thierse umgekehrt zugestand, in einer Klassengesellschaft zu leben), dann in den gesamtdeutschen Feuilletons zu erneuten Versuchen von Selbstbeschreibung in der deutschen Gesellschaft führten.
Im Mittelpunkt des Films steht das Ehepaar Moll: Beide offensichtlich langzeitsarbeitslos und Bewohner eines Plattenbaus in Berlin Marzahn (einer der wenigen Bezirke, den die ehemalige PDS bei jeder Bundestagswahl direkt gewinnen konnte). Während der ehemalige Malermeister (gespielt von Axel Prahl, v.a. bekannt als Münsteraner Tatort-Kommissar) den Balkon mit einem kleinen Wandgemälde schmückt, erfährt seine Frau (hervorragend: Katharina Thalbach) gerade bei der Arbeitsagentur, dass sie, nachdem sie gerade mehrere Monate im Ein-Euro-Job hinter sich gebracht hat, auf eine feste Anstellung hoffen darf: Ihr Betreuer bringt sie bei einer Sicherheitsfirma unter, die Frau kann ihr Glück nicht fassen - bis sie umso schmerzvoller mit der Sinnlosigkeit ihrer Tätigkeit konfrontiert werden wird. Herr Moll hingegen verliert seine Frau umso mehr aus den Augen, als er bald nur noch Augen für die neue Flurnachbarin Jewgenia hat, eine Friseurin aus Russland. Hans Moll wird von einer kaum gekannten Verliebtheit ergriffen, die ihn anrührend jugendlich bis tollpatschig agieren lässt. Ein weiterer Hausnachbar ist der arbeitslose Physiker Kurt Wellinek (Herbert Knaup). Das einzige, was ihn an seiner Wohnung interessiert, ist der Ausblick auf sein ehemaliges Familienhaus, durch den er seine Exfrau (Karoline Eichborn) im Garten beobachten kann. Ohne seine Arbeit scheint das Einzige, was ihn im Leben einigermaßen am Laufen hält, seine nicht erloschene Liebe zu seiner Frau zu sein, die allerdings nicht erwidert wird. Wellineks total desolate Wohnung, ohne Möbel, Einrichtung oder auch nur gestrichene Wände scheint auch seine inneren Zustände zutreffend widerzuspiegeln. Der ansonsten ruhige und seriöse Mann explodiert, als er bei der ARGE nach dreistündiger Wartezeit von der Sachbearbeiterin mit einem gering qualifizierten Job abgespeist zu werden droht: „Ich will Arbeit!".
So sagt auch Regisseur Böhlich im Interview mit epd Film: „Ich finde es perfide, dass schon eine leichte Verbesserung dazu führt, dass alle denken, es gehe wirklich aufwärts. Man kann sich eine Gesellschaft auch schönreden. Es darf nicht vergessen werden, dass Hunderttausende in den vergangenen Jahren in den Vorruhestand geschickt wurden, die gerne weitergearbeitet hätten. Und das gefährliche an der Schönfärberei ist, dass diejenigen, die noch immer keine Arbeit gefunden haben, den Eindruck bekommen können, sie sind selber schuld". Umgekehrt zeigt Böhlichs Film auch gerade, dass und wie es Menschen schaffen, selbst aus dieser schwierigen Situation Hoffnung zu schöpfen und sich nicht aufzugeben (dies sei, so der Regisseur, auch eine der wichtigen Botschaften des Films). Auch Sylvia Wellinek, für die es kein Zurück gibt zur Beziehung mit ihrem Exmann, sieht sich den Hässlichkeiten des prekarisierten Arbeitsmarktes ausgesetzt. Schon bei ihren Einsätzen als Synchronsprecherin wird sie mit Anforderungen konfrontiert, die sie unter normalen Umständen ablehnen würde - und könnte. Um eine Rolle beim Fernsehen zu ergattern, nimmt sie jedoch noch weitere innere Demütigungen in Kauf. Zumindest ihrem Exmann weiß sie jedoch zum Schluss ein ganzes Stück Achtung zurückzugeben. „Ob die Arbeit überhaupt einen Sinn erfüllt, ob sie Spaß macht oder den eigenen Fähigkeiten und Interessen entspricht, tritt [in der angespannten Situation] in den Hintergrund", so Regisseur Böhlich über den gesellschaftlichen Hintergrund, vor dem die Geschichten seiner Protagonisten mit „poetischen Realismus" (epd Film) entfaltet werden. „Ich behaupte auch, es ist kein Zufall, dass das Wort Arbeit im öffentlichen Bewusstsein durch Job ersetzt wurde. Job-Center. Jobvermittlung. Ob der Einzelne im Job seine Stärken und Talente entfalten kann, hat für die Gesellschaft keine Relevanz. Sie hat keine Ideen und Visionen, den Begriff Arbeit neu zu definieren. Es geht nur darum, einen Job zu machen, irgendwie durchzukommen. Was sich dann in einer sehr starken geistigen Verarmung ausdrückt". Mit seiner sympathischen und authentischen Tragikomödie weiß Böhlich zumindest dazu beizutragen, der geistigen Armut etwas entgegenzusetzen: Die Geschichten seiner Figuren, die wahrscheinlich die Erlebnisse so Vieler in der Post-Hartz-Republik widerspiegeln, kommt eine originär aufklärerische Funktion zu.
Fotos (c) Neue Visionen (Zuletzt geändert am Donnerstag, 8. Januar 2009.) |
Ähnliche Themen:
- 08. 03. 2010 - Affront gegen Erwerbslose
- 06. 09. 2009 - Vorsicht Piraten!
- 08. 01. 2009 - Älteste Tageszeitung der Bundesrepublik vor dem Ende?
- 11. 12. 2008 - "Indiens 11. September"?
- 06. 08. 2008 - Datensammelwut der Film- und Musikindustrie gestoppt
- 27. 02. 2008 - Üble Stimmungsmache gegenüber der Aachener Linken
- 02. 01. 2008 - Frohe Botschaften zum neuen Jahr
- 23. 12. 2007 - Rock gegen Reich - Butterfahrten zu den Villen der Reichen
- 22. 12. 2007 - Einführung eines 15-Euro-Sozialtickets für Bus und Bahn in Dortmund beschlossen
- 23. 11. 2007 - Grüner Eiertanz um Hartz IV




